Familie auf Distanz – wie man die Trennung von Familie, Verwandten und Freunden in Deutschland übersteht

Ivan Knežević, Diplom-Psychologe

Das Leben in Deutschland bedeutet für die meisten von uns aus dem ehemaligen Jugoslawien die Erfüllung eines Traums von einer besseren Zukunft – hat aber auch seinen schmerzhaften Preis: die Trennung von den Liebsten. Eltern, Kinder, Geschwister, beste Freunde – sie bleiben dort, während wir hier arbeiten, Geld schicken und die Tage bis zum nächsten Jahresurlaub zählen.

 Als Psychologe, der selbst diesen Weg gegangen ist und täglich mit Menschen aus BiH, Serbien, Kroatien und Montenegro arbeitet, weiß ich, wie sehr diese Trennung wehtun kann – Schuldgefühle, Einsamkeit, die Angst, dass die Kinder ohne uns aufwachsen, das Gefühl, dass das Leben an einem vorbeizieht.

In diesem Text erklären wir wissenschaftlich, warum dieses Thema für unsere Bevölkerung so schwer ist, was die Forschung sagt und geben konkrete Schritte, wie man damit umgeht.

Wenn dich das trifft, buche ein kostenloses 15-minütiges Gespräch – Link unten.

Was ist Familien-Trennung? Theoretischer Rahmen und wissenschaftliche Grundlage

Familie auf Distanz (transnationale Familie) ist nicht nur physische Entfernung – es ist emotionaler Stress mit langfristigen Folgen. Nach dem Modell von Amrita Suarez-Orozco (2002) schafft Migration „transnationale Familien“, in denen Mitglieder in verschiedenen Ländern leben, was zu einem ständigen Gefühl der Unvollständigkeit führt. Der BAMF-Bericht (2023) zeigt, dass 45 % der Migranten in Deutschland soziale Isolation genau durch die Trennung von der Familie erleben, wodurch das Risiko für Angststörungen um 30 % steigt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2021) stuft die Trennung von den Nächsten als bedeutenden psychosozialen Stressor ein. Das Konzept des „ambiguous loss“ von Pauline Boss (1999) beschreibt unsere Situation perfekt: Die Menschen sind lebendig und per Telefon erreichbar, aber physisch abwesend – das Gehirn weiß nicht, wie es trauern soll. Eine Meta-Analyse im Journal of Immigrant and Minority Health (2018) mit 85 Studien ergab, dass Migranten durch Familien-Trennung ein 25 % höheres Depressionsrisiko haben.

In Deutschland zeigte die Studie des Robert Koch-Instituts (RKI, 2022), dass 32 % der Migranten chronische Einsamkeit durch Trennung haben und ihr Cortisolspiegel (Stresshormon) 15 % höher ist als bei der einheimischen Bevölkerung.

Warum ist das für uns aus Ex-YU besonders schwer?

Bei uns ist Familie nicht nur „nahe Verwandte“ – Familie ist das gesamte Unterstützungssystem, Feste, Kaffee mit Nachbarn, Wochenende auf dem Land. Wenn das wegfällt, fehlt ein Teil der Identität. Laut BAMF-Studie (2023) erleben 40 % der Migranten aus Ex-YU-Ländern „transnationalen emotionalen Stress“ – 25 % mehr als Migranten aus anderen Regionen. Mögliche Ursache: balkanischer Kollektivismus stößt auf deutschen Individualismus. Eine Studie im Journal of Migration and Health (2022) ergab, dass 45 % der balkanischen Migranten in Deutschland einen „emotionalen Mangel“ durch Trennung haben – deutlich mehr als im Durchschnitt. Zusätzliche Belastung: Schuldgefühle („Ich bin hier wegen des Geldes, sie leiden dort“, „Die Kinder wachsen ohne mich auf“, „Ich habe meine Eltern allein gelassen“). Die Pandemie hat das noch verschärft – DGUV (2021) verzeichnete 18 % höhere Isolationsraten bei Ex-YU-Migranten als bei anderen Gruppen.

Praktische Schritte – wie man die Trennung übersteht?

Emotionen annehmen

Schuld, Trauer, Wut – alles ist normal. Führe ein Tagebuch „Was mir heute fehlt“ – hilft, Emotionen aufs Papier zu bringen (BAMF-Empfehlung).

Rituale schaffen, die verbinden

Feste Video-Calls sonntags zur gleichen Zeit, gemeinsame „Kaffee über Zoom“, Pakete mit Heimatprodukten schicken. Eine Studie aus 2021 zeigt, dass solche Rituale Einsamkeit um 20 % reduzieren.

Eine „zweite Familie“ in Deutschland aufbauen

Tritt Gruppen auf Social Media bei, gehe zu Festen und Grillen. Soziale Netzwerke in der neuen Heimat senken Stress um 15 % (RKI, 2022).

Besuche planen

Kaufe Tickets 6 Monate im Voraus – das gibt Kontrollgefühl und etwas, worauf man sich freut.

Wann ist Beratung sinnvoll?

Wenn Schuld und Einsamkeit Arbeit, Schlaf und Beziehungen beeinträchtigen – Beratung auf Muttersprache hilft, Emotionen zu sortieren und in Kraft umzuwandeln.

Zum Abschluss – du bist nicht allein

Familie auf Distanz ist eine der schwersten Dinge, denen wir in Deutschland begegnen, aber nicht unüberwindbar. Du hast Kraft und Widerstandsfähigkeit aus unserer Region – manchmal braucht es nur jemanden, der zuhört und hilft, diese Kraft richtig zu lenken. Wenn du dich danach fühlst, einen Austausch auf unserer Sprache zu haben, ohne erklären zu müssen „wie es bei uns ist“, buche ein kostenloses 15-minütiges Gespräch.

Referenzen:

BAMF (2023). Migrationsbericht 2022.

Boss, P. (1999). Ambiguous Loss. Harvard University Press.

DGUV (2021). Psychische Belastungen in der Pandemie.

Journal of Immigrant and Minority Health (2018). Family Separation in Migration.

Journal of Migration and Health (2022). Emotional Deficit in Balkan Migrants.

RKI (2022). DEGS1 – Deutsche Gesundheitsbefragung.

Suarez-Orozco, A. (2002). Transnational Families.

WHO (2021). Mental Health of Migrants.

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